Erster echter Auslandsstart


Die Rennsportler in Deutschland kannten in den 70er Jahren nur 2 Arten von Rennstrecken. Einmal die Strecken in Deutschland, inklusive Flugplätze und jenen „erweiterten Kreis von Strecken für Rennen in Deutschen Meisterschaften“. Diese „Erweiterten Strecken“ waren jene beliebten Strecken in Spa, Zolder, Zandvoort, Assen, Colmar-Berg, Salzburg, und den Österreichring. In Ausnahmefällen fanden Rennen in Dänemark statt. Der Eiserne Vorhang verhindert Rennen in Ostdeutschland oder Tschechien. In der Schweiz gab es nichts und die Strecken in Frankreich wurden wegen der Entfernung kaum von Deutschen Veranstaltern in Erwägung gezogen.
Betrachtet man die Formel-Nachwuchswelt so etablierte sich nach den Jahren der Formel-V1300 die aus England herüber schwappende Formel-Ford zum nächsten Highlight. Richtige kleine Rennwagen, Mini-F1-Boliden die über die kostengünstige Reifen, Motoren und Getriebe aus dem Stand nicht nur in Deutschland sondern weltweit zum Renner wurden. Was zunächst von den US-Soldaten eingeführt wurde entwickelte sich Anfang der 70er Jahre schnell zum Hit der Formel-Nachwuchswelt in Deutschland.

Stefan Bellof in Donnigton (Foto: HTS)

Rennschulen wie Jim Russel oder die Walter Lechner Racing School aus Österreich traten denn auch sofort mit bis zu einem halben Dutzend Rennwagen/Team zu den Rennen in Deutschland an. Dazu die Importeure der überwiegend britischen Hersteller wie Lotus, Lola, Van Diemen, Crossle, Royale, Hawke, PRS oder Ray sowie Privatfahre mit weiteren Fabrikaten. Ende der 70er Jahre wurde der Name Bellof im Kartsport bekannt. Georg Bellof, heute Betreiber eines Zahntechnik-Labors, stürmte nach Erfolgen im Kart mit Bertram Schäfer-Racing in der Formel-3 an die Spitze. In seinem Gefolge der jüngere Bruder Stefan. Auch der machte sich schon im Kartsport einen Namen.
Im Herbst 1979 kontaktierten die drei Ballofs, Vater Georg, der gerade zurück getretene F3-Pilot Georg Junior und Junior Stefan auf der Jochen Rindt-Rennwagenshow verschiedene Automobilnachwuchsserienmanager. So stieß man auch auf die Formel-Ford. Man verwies die Bellofs an den unter den Ausstellern vertretenen Walter Lechner. Der Österreichische Teameigner und Rennschulbesitzer bot „dem Buben“ wie Lechner gegenüber „Papa Bellof“, dem Senior der Familie formulierte, sofort für kleines Geld einen der letztjährigen Einsatzwagen für die letzte Rundstreckenveranstaltung der Saison, dem Saisonfinale am 10.11.79 in Hockenheim an. Um es kurz zu machen. Stefan Bellof fuhr in die erste Startreihe, fightete wie ein Wilder mit dem erstaunten Lola-Piloten Peter Katsarski, einem Berliner Architekten, ging sogar in Führung, flog im Fight mehrfach raus. Aber Bellof kam stets aus dem „Grün“ des Motodroms zurück und kreuzte am Ende sensationell, als 2. knapp hinter Katsarski den Zielstrich. Teamchef Walter Lechner schnappte sich „Papa Bellof“ und machte im warmen Teamwohnwagen eine Vertrag für die nationale FF-Meisterschaft-1980 in Deutschland. Bellof holte 1980 sofort den nationalen Titel. Nun kam die Frage auf wie es weiter gehen sollte. Formel-Ford-2000, Formel-Super-VW, Formel-3, alles offen. Die Frage war was kostet was und was bringt den jungen Burschen schnellstmöglich in den Focus von Automobilwerken.

Aha-Erlebnis“ Donnington
Ein entscheidender Test für den jungen Giessener lief am 09.10.80. Stefan Bellof hatte eine Einladung von Lola-Rennmanager Mike Blanchet aus Huntington. Lola bot dem jungen Deutschen FF-Champion auf Bitten von Lola-Deutschland-Manager O’Grady und dem Journalist Braun an in Donnington Park einen neuen Lola Formel-Ford-2000 zu testen. Zu der Zeit war auch das FF-Meisterteam von Bellof unter Leitung des Österreichers Walter Lechner auf der Suche nach neuen Herausforderungen für die Saison 1981. „He Schmidde“, so Bellof wenige Tage vor dem Test lachend am Telefon. „Mach mal n’ paar Tage Urlaub bei Audi. Du musst Mittwoch mit mir zum FF-2000-Test nach Donnington. Die Lola-Leute verstehen mein "Hessenenglisch‘ sicher nicht“. Schmidde war ein Freund und Teamkollege in Bellofs 80er FF-Saison. Beide donnerten im Golf-1 GTI volles Rohr nach England. Dort herrschte Hochbetrieb. Knapp 60 Testanmeldungen für den Tag auf der Strecke. Mike Blanchet wartete bereits mit 2 Lola-Technikern. In der Nachbarbox werkelte Tommy Byrne. Er optimierte sein Auto für das 14 Tage später in Brands Hatch stattfindende Formel-Ford-Festival. „Das Festival wäre auch was für Dich gewesen“, so Schmidde, Stefans Audikumpel zu Bellof. Der nickte nur und wendete sich, noch konsterniert von der sehr professionellen Arbeit in Donnington rund um ihn herum wieder seinem Schrauber Berti zu. Jede Veränderung am Lola senkte Bellof‘s Rundenzeit deutlich. Blanchet wurde schon ganz kribbelig. Der Lolamanager erkannte nach wenigen Runden ganz klar Bellofs großes Talent. Er nahm Bellofs Begleiter auf die Seite und bot mit Nachdruck Hilfe für 81 in Deutschland an. Die Stimmung der kleinen Crew in Donington war super. Bellof durfte sich am Ende wie ein König fühlen.
Am Ende des Tests fragten Stefan und sein Freund Mike Blanchet nach einem Auto für Festival 14 Tage später in Brands Hatch. Blanchet meinte, „That’s very late now, but I look around“. Ein ‚Ja fürs Festival‘ von Blanchet hätte Bellof und Lechner sicher für 1981 mit Lola zusammen gebracht. 14 Tagespäter beim Festival in Brands Hatch war es dann Tommy Byrne, der Fahrer der beim Bellof-Lola-Test mit in der Nachbarbox arbeitete, der unter knapp 200 Startern Platz 2 holte. Sieger wurde der Brasilianer Roberto Moreno. Und der landete einige Jahre später in der Formel-1. Auf der Rückreise, „Mach hinne Schmidde, wir müssen die Fähre in Dover um 19 Uhr unbedingt bekommen“, wurde Stafan sehr nachdenklich. „Das hat ja gut geklappt mit den Jungs von Lola hier. Auf Dauer geht Richtung Profisport an England wohl kein Weg vorbei. Aber das mit der nötigen Kohle“, und er schüttelte fragend den Kopf. Und dann kam auf der Rückfahrt nach Dover der Satz, „Na, mal mit‘m Walter (FF-Teamchef Walter Lechner) reden. Später auf der P&O-Fähre Richtung Dover war viel Zeit für Benzingespräche. Stefan hatte an diesem Tag in Donington gelernt das internationale Erfolge der Schlüssel zum Aufstieg sein würden.
Bellofs steiniger Pfad Richtung Profimotorsport ebnete für spätere Generationen entscheidend deren Wege. Schuhmacher, Frenzzen und Co. profitierten von Bellof‘s „Schwerstarbeit“ Richtung Formel-1. Etwas wie heute, 6 Deutsche Fahrer zeitgleich in der Formel-1. Das wäre in den frühen 80ern undenkbar gewesen. Erst das starke Engagement aller Premiumhersteller in Deutschland veränderte Jahre später das Bild ganz entscheidend. HTS
Der weitere Weg des Giesseners , Formel-3 mit BSR, Formel-2 mit Maurer/BMW, Sportwagen mit Porsche und schließlich die Formel-1 mit Ken Tyrrell sind hinreichend bekannt.
(Text: HTS)

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